Critical Commentaries

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Thomas Angelou (Kunsthistoriker), Karlsruhe, April 2011

 „Materia e Simbolo“ – Enrico Magnani

16. April 2011


Die Schönheit ist das Symbol aller Symbole.

Sie enthüllt alles, weil sie nichts sagen will.
                                                         
  Oscar Wilde

Wirft man einen Blick auf das Frühwerk des internationalen Künstlers Enrico Magnani, so mag man nicht glauben, dass die heute hier im Ziegeleimuseum in Jockgrim gezeigten Arbeiten von ein und demselben Künstler stammen. Heute arbeitet Enrico Magnani ausschließlich abstrakt, wo er doch in seinen Anfängen sein Publikum regelrecht mit seinen Gemälden schockieren wollte. Der Künstler, der zurzeit noch in Karlsruhe lebt, aus Italien stammt begeisterte das Publikum auch neben Italien, in Frankreich, Deutschland, Österreich, der Tschechischen Republik und zum momentanen Zeitpunkt auch in Dänemark. Materia e Simbolo, so der von ihm gewählte Titel für seine heutige Präsentation seiner Werke. Als ich Enrico Magnani zu unserem Vorgespräch in Karlsruhe besuchte, spürte ich sofort, als ich seine Wohn- und Atelierräume betreten hatte, dass hier eine ganz spezielle Atmosphäre herrscht. Von den Wänden schauten mich weibliche Figuren an, welche mich an griechische Plastiken erinnerten. Ihr Ausdruck den sie mir gegenüber vermittelten war klassisch, mystisch, ja wenn nicht sogar ein wenig unheimlich. Es handelte sich um Arbeiten aus der Zeit, als der Künstler noch gegenständlich arbeitete. In unserem sehr angenehmen Gespräch stellte sich bei einer Tasse grünem Tee heraus, dass die Anfangsjahre für Enrico Magnani, Jahre des Suchens waren.  Künstler wie Francis Bacon, Robert Rauschenberg, Gustav Klimt, Picasso oder aber auch Egon Schiele standen als Inspirationsquelle für ihn Pate. Die Einflüsse auf sein Werk aus antiken Bildprogrammen und mittelalterlichen, figurativen Systemen ist somit unverkennbar. Enrico Magnani ein feinfühliger Künstler, welcher dahin strebt mit sich und seinen Gemälden eine Einheit, eine Balance und innere Harmonie zu werden. Schon seit seiner frühesten Kindheit ist er künstlerisch tätig. Daneben ist er Physiker, Schriftsteller, weist Kenntnisse in der Fotografie und im filmischen Bereich auf. Kenntnisse der Philosophie und alten Traditionen, ergänzt sein großes Interessengebiet. Als er zu malen begann, glaubte er, der Mensch sei Anfang, Mitte und Ende. Doch während dieses stattfindenden Entwicklungsprozesses trat eine gravierende Veränderung ein. Auf dem Weg dorthin begegnete ihm das Symbol und vermittelte ihm die Erkenntnis, dass es der Anfang, die Mitte und das Ende sei. Das Symbol sei oben und unten. Es sei das Tier, der Mensch und  der Gott. Somit hatte sich plötzlich zwischen 2006 und 2007 im Werk des Künstlers ein grundlegender Wandel vollzogen. War ihm doch anfangs nichts so wichtig wie der Mensch, welcher im Mittelpunkt seines Schaffens stand. Doch dann die plötzliche Veränderung. Er sah seine Aufgabe darin, die Gesellschaft nicht einfach in die falsche Richtung gehen zu lassen, sondern Enrico Magnani  versuchte durch „shocking by amplifying“, also schockieren durch die Verstärkung seines  Werkes den richtigen Weg zu finden. Diverse Techniken probierte Enrico Magnani aus, ganz speziell indem er die Leinwand mit Sand bedeckte und dann darauf zu malen begann. Ein Gefühl für ihn, als ob er auf die raue Wand einer Höhle malen würde. Ein suchen nach der Ursprünglichkeit begann. Auch in der bildenden Kunst stellten sich etwa Künstler wie Emil Nolde, Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner zu Beginn des 20ten Jahrhunderts nahezu dieselbe Frage. Wo sind die Wurzeln unseres menschlichen Daseins? Man beschäftigte sich mit den Felsen- und Höhlenmalereien von Lascaux, indischen Wandmalereien, afrikanischer und ozeanischer Kunst und hoffte darin eine Antwort auf diese so grundlegende Frage zu finden. Somit ist Enrico Magnani mit seiner zeitgenössischen Gegenwartskunst eine Weiterführung der damals vor circa 100 Jahren gestellten Frage. Er jedoch geht noch einen Schritt weiter. Er denkt über das Leben im Allgemeinen und auch über sein Leben nach. Bilder entstehen während unseres Gespräches, die an einen Fluss erinnern, welcher an seiner Quelle als reines, klares Wasser entspring, jedoch am Ende als schmutziger und verunreinigter Wasserlauf endet. Der Künstler suchte nach einer Lösung, realisierte jedoch nicht, dass in seinen momentanen Kunstwerken die Lösung nicht beinhaltet war. Jedoch erkannte er diese Tatsache nicht sofort. So kam es dann zu einem Bruch, und auch Ausstellungen führte der Künstler zu diesem Zeitpunkt keine mehr durch. Alles was er bisher erreicht hatte, kam plötzlich zu einem Stillstand. Es ging einfach nicht mehr wie bisher weiter. Enrico Magnani und seine Art Kunstwerke zu schaffen, zeugen von einer auf das Tiefste inneren Verbundenheit. Es hat sehr lange gedauert, bis Künstler und Kunstwerk sich in einer derart engen Annäherung dem interessierten Publikum präsentieren konnten. War der Künstler in früheren Zeiten wie z.B. im Mittelalter doch Handwerker, so dass der Einfluss von subjektiven Elementen in den Kunstwerken bis zum damaligen Zeitpunkt noch nicht spürbar gewesen ist. Viele Jahrhunderte waren Künstler und Kunstwerk unabhängig voneinander. Erst Ende des 19. Jahrhunderts beginnen sich die Künstler langsam immer mehr und mehr ihren Kunstwerken anzunähern. Vincent van Gogh stellt hierbei wohl das gravierendste Beispiel dar. Künstler und Kunstwerk werden somit eine Einheit. Gefühle, Gedanken, Freude und Niedergeschlagenheit werden heute von den Künstlern bewusst und ganz selbstverständlich in ihren Kunstwerken verarbeitet und zum Ausdruck gebracht. Enrico Magnani hatte erkannt, dass ihm ein Teil von dem großen Ganzen fehlte. Eine Leere stellte sich ein. Ein Gefühl wie in einer Wüste. Weit und breit nichts als Sand, ohne zu wissen in welche Richtung man gehen soll, um an sein Ziel zu gelangen. Eine aussichtslose Situation und eine Lösung nicht in Sicht. Enrico Magnani zog sich von der Öffentlichkeit zurück, hörte aber nicht auf zu malen. Ein ganz privater Veränderungsprozess setzte sich bei ihm in Gange. Zurück zu den Ursprüngen, vergleichbar einer Mutation. Er begann in Öl auf Holz zu malen, ganz nach mittelalterlicher Manier. Zwar waren es noch immer Körper und Gesichter, doch ganz ohne Wut und sexuellen Andeutungen. Das Mittelalter war dadurch geprägt, durch die Kunstwerke den Glauben des Menschen zu stärken und größt mögliche Gottesnähe zu erreichen. Enrico Magnanis Gemälde charakterisierten sich mehr und mehr durch religiöse bzw. mythische Inhalte. Und ganz plötzlich tauchten nach und nach einige Symbole, zusammen mit diesen mythischen Zeichen auf: Die Kugel,  der Mond und das Kreuz. Somit war der unabdingbare Wechsel von der figurativen zu der abstrakten Malerei bei Enrico Magnani eingetreten. Die Lösung konnte somit nicht in den Körpern, auch nicht in den physikalischen liegen, sondern auch über das Leben hinaus. Die Antwort ist somit in der Materie zu finden. Enrico Magnani hat seinen Weg für sich über die Materie und Symbole gefunden.  Das  Suchen hat ein Ende. Die Symbole als die Quelle, als der reine Ursprung, hell und ungetrübt. In seinem aktuellen Werk bilden die Symbole so etwas wie einen roten Faden – die red line. Nun kann sich der Künstler vollkommen seinem Publikum in seinen Gemälden ausdrücken und bewusst mitteilen. Für das, was Enrico Magnani zu sagen hat, war der Körper als Transmissionsfläche nicht ausreichend. Nicht davor, sondern dahinter befindet sich die Lösung. Erst wenn ich das Fenster öffne, kann ich das sich dahinter befindende Geheimnis lüften. Enrico Magnani ist angekommen und dennoch ist es wieder wie Neuanfang. Ein Neuanfang, welcher jedoch auf den Künstler befreiend wirkt. Enrico Magnani geht davon aus, dass es sich bei Symbolen wie z.B. dem Kreuz nicht um erlernte Deutungen handelt, sondern dass uns hier eine reine Urform begegnet, welche in uns Menschen schon von Anfang an fest verankert und verwurzelt ist. Somit beschäftigt  sich der Künstler in seinem heute hier gezeigten Werk mit der Erschaffung einer künstlerischen Sprache, welche auf den schon erwähnten archetypischen Symbolen und spirituellen Traditionen basiert. Der Künstler möchte durch seine Kunstwerke keine Lösung vorgeben, jedoch sieht er darin in seinem Gedankenmodell einen Vorschlag bzw. ein Angebot an den Betrachter seiner Arbeiten, dessen innere Entwicklung hierdurch anzuregen. Enrico Magnanis Arbeiten laden somit dazu ein entschlüsselt zu werden und sieht man genau hin, lassen sie auch einen erzählerischen Inhalt erkennen. So findet sich das Thema Mann und Frau, Mars und Venus, aber auch die vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde und Luft, welche der Künstler durch gekonnte Farb- und Materialwahl zur Geltung bringt. Es kommt jeweils auf die Anordnung der unterschiedlichen Symbole an und deren Beziehung zueinander, um deren konkrete Aussage entschlüsseln zu können. Das griechische Kreuz, der Kreis und der Halbkreis, erzeugen für den Künstler eine für ihn eindeutig erklärbare Aussage. Dennoch verfolgt Enrico Magnani mit seinen Gemälden keinen Kunststil. Auch möchte er mit seinen abstrakten Bildwelten und seiner subjektiven Sicht auf die Gemälde, die Betrachter nicht schockieren, wie er es in seinen Frühwerken getan hat. Auch steht er nicht in der Erwartungshaltung ihnen bewusst gefallen zu wollen. Vielmehr ist es wieder die Suche, nämlich die Suche nach einer Sprache, welche in der Lage ist universelle Wahrheiten auszudrücken und die nicht mit Worten übermittelt werden kann. Betrachten Sie bitte diese einführenden Worte zu der Ausstellung von Enrico Magnani als eine Anregung, ihren eigenen Erlebniswert des Sehens in dessen Arbeiten zu entdecken. Suchen Sie sich das heraus was Sie anspricht, vielleicht Ihre Gedanken beflügelt und begeben Sie sich gemeinsam mit dem Künstler und den von ihm geschaffenen Werken auf Ihre ganz persönliche Reise in die Welt der Kunst. Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie heute somit dazu einladen, sich auf eine spannende Entdeckungsreise zwischen Mailand und Jockgrim  zu begeben, und entdecken sie die geheimnisvolle Welt von Materia e Simbolo des Enrico Magnani.



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